Systemischer Wandel von Einweg zu Mehrweg notwendig

Kunststoffe stellen uns vor ein Dilemma: Die Verschmutzung speziell der Flüsse und Meere ist eine globale Katastrophe, Mikroplastik findet sich in jedem Winkel des Planeten und noch immer basiert das allermeiste Plastik auf Erdöl – mit entsprechenden Folgen fürs Klima. Gleichzeitig braucht es jedoch Kunststoff für viele Umwelttechnologien und ein Ersatz durch Papier, Alu oder andere biobasierte Alternativen muss nicht zwingend nachhaltiger sein. Für ein nachhaltiges Niveau an Ressourcenverbrauch auf einem Planeten mit zehn Milliarden Menschen werden wir Kunststoffe brauchen. Dafür muss Plastik aber zirkulär produziert, genutzt und im Kreis geführt werden.

Doch wo liegen die Grenzen dessen, was durch bessere Recyclingsysteme und Innovationen in der Herstellung erreicht werden kann? Fest steht, dass Recycling alleine die globale Verschmutzung durch Plastikabfälle nicht lösen kann. Und längst sind noch nicht alle Kunststoff-Produkte sinnvoll recycelbar. Auch das Recycling braucht erhebliche Mengen an Energie und Kunststoffe lassen sich zudem nicht beliebig oft recyceln. Gleichzeitig scheint eine pauschale Reduktion der Kunststoff-Produktion wenig zielführend: Notwendig ist eine Fokussierung des Kunststoff-Einsatzes auf solche Bereiche, in denen das Material einen positiven Nettonutzen zu den verschiedenen Nachhaltigkeitszielen leistet – also etwa bei vielen Medizinprodukten oder für Umwelttechnologien wie Windenergie – und dafür weniger für Einwegprodukte und unnötige Umverpackungen.

Allerdings ist die Notwendigkeit eines systemischen Wandels leider noch längst nicht bei allen Akteur*innen angekommen.Viele Unternehmen der chemischen Industrie und Länder, in denen solche Unternehmen wichtige Arbeitgeber*innen und Steuerzahler*innen sind, versuchen stattdessen auf rein technische Lösungen wie das chemische Recycling zu setzen. Das Umweltprogramm der UN hat in seinem Report jedoch sehr klar herausgearbeitet, dass es umfassendere Lösungen braucht, die insbesondere bei der Nachfrage ansetzen – beispielsweise durch einen Wandel von Einweg zu Mehrweg. Gleichzeitig muss man sehen, dass Plastik ein sehr billiges Material ist, das sich in vielen Teilen der Welt nicht ohne erhebliche Preissteigerungen für viele Produkte ersetzen lassen würde.

 

Eine denkbare Lösung wäre eine Verpflichtung der Kunststoffhersteller, in Zukunft einen zu definierenden Teil ihrer Produktionsmenge auf Basis von Kunststoffabfällen zu produzieren, eine sogenannte polymer-spezifische Mindest-Rezyklatquote. Das wäre angelehnt an das Prinzip der Quoten für erneuerbare Energien und könnte neben einer Reduktion der Primär-Kunststoffmengen auch Effekte auf die Recycling-Fähigkeit von Produkten und Investitionen in Sammel-Infrastrukturen auslösen. Der Vorteil wäre eine überschaubare Anzahl von Unternehmen, die man dafür überwachen müsste: Mindestens 80 Prozent der Weltproduktion von Kunststoffen entfallen auf nur 20 Unternehmen. Diesen könnte man erlauben, Zertifikate für eingesetzte Recycling-Mengen zu handeln. Denn: Wer kostengünstig mehr als die verpflichtende Quote einsetzt, könnte das an Unternehmen übertragen, für deren Kunststoffe das vielleicht auch technisch komplizierter ist.

Die größten Einsparpotenziale gibt es mit Sicherheit im Bereich der Verpackungen, die in Deutschland allein für 40 Prozent der Einsatzmengen und für 60 Prozent der Kunststoff-Abfälle verantwortlich sind. Die Trends zu Mini-Portionen, zum bequemen To-go-Verzehr und natürlich auch der zunehmende Online-Handel mit (fast ausschließlichen) Einweg-Lösungen haben allein in den letzten 20 Jahren zu einer Verdopplung der Kunststoff-Abfallmengen geführt. Dafür eignen sich Lösungen mit digital gestützten Mehrwegsystemen oder unverpackten Angeboten, die gezielt gefördert werden könnten. Sektorenspezifische Minderungsziele hätten dagegen auch hier das Problem, dass sinnvolle Verpackungen natürlich auch Produkte schützen und so zur Vermeidung von Lebensmittel-Abfällen beitragen – auch hier muss man also genau hinschauen: Plastik ist halt nicht per se gut oder schlecht, es kommt immer auf die konkrete Nutzung an.

Diese Stellungnahme ist – gemeinsam mit jenen anderer Expert*innen – zuerst auf der Website des Science Media Center erschienen und im nachfolgenden Link abrufbar.

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