„Nachgefragt!“ – im Gespräch mit Maria-Liisa Bruckert, Founder & CEO IQONIC.AI

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von „Nachgefragt!“, heute mit Maria Liisa Bruckert, Günderin von IQONIC.AI.

Seit letztem Jahr verstärkt IQONIC.AI. das VKE-Netzwerk als technologischer Impulsgeber an der Schnittstelle von High-Tech und Prestige Beauty. In ihren Sessions zur operativen KI-Integration hat Maria bereits verdeutlicht, dass Künstliche Intelligenz weit über die reine Tool-Ebene hinausgeht: sie ist vielmehr ein strategischer Hebel zur Transformation in nahezu allen Unternehmensbereichen.

Das Gespräch beleuchtet die Zukunft der Beratung am Point of Sale, die Balance zwischen datengetriebener Personalisierung und Marken-Identität sowie die strategischen Leitplanken für eine erfolgreiche KI-Implementierung in gewachsenen Unternehmensstrukturen.

Prestige-Beauty lebt stark von persönlicher Beratung am POS. Wie verändert Künstliche Intelligenz (KI) das gerade: Hilft sie vor allem als digitaler Assistent im Beratungsalltag oder steuern wir gar auf eine Zeit zu, in der Algorithmen z.B. Hautbedürfnisse präziser erkennen als das menschliche Auge?

Zunächst das Wichtigste: Künstliche Intelligenz soll die Beratung unterstützen, nicht ersetzen. Es muss also niemand um seinen Job fürchten.

Ich bin überzeugt, dass KI-Algorithmen mit technologischem Fortschritt und Weiterentwicklung der Hardware – vor allem der Kameras – Hautbedürfnisse präziser erkennen können als das menschliche Auge. Das ist teilweise auch heute schon der Fall. Der Grund dafür ist einfach: Menschen sind durch Konzentrationsschwäche, Emotionen etc. ebenfalls fehleranfällig – nicht nur die Technologie durch beispielsweise schlechte Lichtbedingungen. Während die Technologie durch ihre Weiterentwicklung diese Fehlerquellen aber immer mehr minimieren kann, wird das bei uns Menschen schon schwieriger.

Ich denke, hierbei ist das Mindset wichtig: Wir sollten KI nicht als Konkurrenten betrachten, der uns ausstechen möchte. Vielmehr ist sie ein Teammitglied, das uns Arbeit abnehmen kann, sodass wir uns anderen Aufgaben widmen können, die menschliches Geschick verlangen. Kompetenzen verschieben sich natürlich durch KI, und darauf müssen wir uns vorbereiten – aber die KI schafft auch den Raum, sich mehr auf das zu fokussieren, was uns als Menschen ausmacht.

KI-Analysen ermöglichen immer individuellere Produktempfehlungen. Besteht hier für Marken nicht die Gefahr, dass sie ihre kreative Handschrift und universelle Strahlkraft verlieren, wenn am Ende vor allem das „beste Daten-Match“ über den Kauf entscheidet?

Meiner Meinung nach ist es am Ende eine Mischung aus beidem: Wenn der Kunde dank der KI-Empfehlungen Produkte findet, die perfekt zu ihm und seinen individuellen Bedürfnissen passen, wird er zufrieden sein und diese immer wieder nachkaufen. In der heutigen Zeit ist KI für Marken ein Must-have, um die Trends Self-Care und Personalisierung bedienen zu können. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Empfehlung als solche, sondern das Gefühl, das bei den Kunden entsteht. Ich werde als Individuum gesehen und beraten.

Entscheidend hierbei ist jedoch, dass es in der großen Produktpalette auf dem Beautymarkt nicht das eine „perfekte Daten-Match“ gibt. Neben den Inhaltsstoffen sind für die Kaufentscheidung natürlich auch andere Faktoren wie das Marketing, die Customer Experience, der Preis und die Reputation und Strahlkraft der Marke entscheidend. In Zukunft wird es entscheidend sein, dass Marken ihre Kunden nicht an innovativere Konkurrenten verlieren.

Ich sehe die Möglichkeiten, die durch KI-Technologie entstehen, also eher als Ansporn für die Marken, wettbewerbsfähig zu bleiben und sich nicht auf ihren bisherigen Erfolgen auszuruhen.

Wie misst man den Erfolg von KI im Unternehmen jenseits von reinen Effizienzsteigerungen? Welche Kennzahlen sollten Entscheider:innen Deiner Meinung nach im Auge behalten, um nicht den Anschluss zu verlieren?

Eine gute Frage! Hier scheitern die meisten, weil eben nicht klar definiert wird, was durch den KI-Einsatz erreicht werden soll. Wichtig ist, dass dieser langfristig gedacht werden muss. Zu Beginn ist es wichtig, eine klare Strategie zu entwickeln und KI nicht um ihrer selbst willen einzusetzen. Man muss sich fragen: In welchen Bereichen können und wollen wir Zeit und Ressourcen sparen, indem wir eine Technologie einsetzen? Was tun wir mit der gewonnenen Zeit? Welche Daten haben wir und welche benötigen wir, um KI im gewünschten Bereich einsetzen zu können? Die Kennzahlen sind also sehr individuell und abhängig von der individuellen Strategie.

Dies ist oftmals kein einfacher Prozess und kann einiges an Vorleistung erfordern: Mitarbeiter müssen geschult werden, Prozesse umgestellt. Zudem kann eine gut trainierte KI (zum Beispiel eine, die bei der Hautanalyse auch für alle ethnischen Gruppen und Hautfarben gleich gut funktioniert) auch einiges kosten. Die Rentabilität stellt sich nicht so schnell ein wie bei anderen Umstrukturierungen. Hier ist es entscheidend, nicht den Kopf in den Sand zu stecken – Geduld macht sich auf lange Sicht bezahlt!

Durch den Einsatz von KI verändert sich die Arbeitswelt grundlegend. Als Gründerin eines jungen, agil und datengetrieben arbeitenden Unternehmens: Welche drei strategischen Empfehlungen gibst Du Traditionsunternehmen, um KI so einzuführen, dass Geschwindigkeit, Governance und messbarer Business-Impact zusammenpassen?

1. Künstliche Intelligenz ist längst kein Nerd-Thema mehr! Wer sich nicht spätestens jetzt umfassend damit befasst, verpasst den Anschluss an den Markt. Für den Erfolg entscheidend ist dabei strategische Führung – nicht passive Neugier: Das ist kein Thema, das man mal nebenbei dem Gen-Z-Praktikanten zuschiebt und dann nie wieder aufgreift. KI formt unsere Zukunft und geht alle an, bis hin zur Führungsebene!

2. Bevor künstliche Intelligenz implementiert wird, sollte man verstehen, was hinter dieser Technologie steckt. KI ist nämlich viel mehr als nur ChatGPT. Insbesondere Führungskräfte müssen ein Verständnis für KI entwickeln, um ihr Team für den Umgang damit befähigen zu können. Bildet euch weiter, nutzt Hilfsangebote und vor allem: Nehmt euer Team mit, damit ihr es nicht im Prozess verliert.

3. KI entfaltet ihren Wert nicht durch Tools, sondern durch Klarheit. Klarheit über Ziele, Daten, Verantwortlichkeiten und die Zusammenarbeit zwischen Teams. Ohne Strategie bleibt KI Stückwerk, mit Strategie wird sie zum echten Hebel. Überlegt euch konkret, in welchen Bereichen KI für euch ein echter Gamechanger sein kann. Welche Kompetenzen und Aufgaben lassen sich durch Technologie übernehmen und welche nicht? Und welche davon benötigen zuerst diese technologische Unterstützung?

KI kann viel – aber kann sie auch Emotion? Luxus-Beauty lebt von Faszination, Begehren und Storytelling. Was ist aus Deiner Sicht der eine Kernaspekt der Beauty-Industrie, den KI nicht glaubwürdig ersetzen kann?

Es ist schwer, sich auf eine Sache zu beschränken. KI kann bereits Storytelling übernehmen und sogar menschliche Emotionen simulieren. Letztlich ist KI aber nur so gut wie ihre Datenbasis: Hat sie einmal gelernt, eine bestimmte Zielgruppe passend anzusprechen und emotional zu erreichen, so wird sie das ziemlich gut abbilden können. Neue Themen und Zielgruppen erfordern wieder neues Training.
Es sind also die Feinheiten zwischen den Zeilen, durch die sich großartige Marken von tollen Marken unterscheiden werden: Leidenschaft, echte Kreativität, Identität und ehrliche zwischenmenschliche Beziehungen.

Maria, ihr bietet mit IQONIC.AI KI-gestützte Lösungen für Haut- und Haaranalysen an. Was kann so ein strategisch gut eingesetztes Tool denn konkret bewirken?

Zum einen sehen wir, dass sich die Einträge in das CRM deutlich erhöhen. Bis zu 90 % der Kontakte konvertieren innerhalb einer Kampagne in das CRM. Dadurch verliert man Kunden nicht nach dem Erstkontakt und kann sie langfristig an die Marke binden, indem man smart und personalisiert mit ihnen arbeitet.
Gleichzeitig kann man durch diese Vorgehensweise bei Bestandskunden 50–60 % mehr Warenkorbgröße erzielen, da die Ansprache viel persönlicher auf das jeweilige Kundenprofil und nicht nur auf die Gesamtzielgruppe zugeschnitten ist.
Wenn das richtig implementiert wird, kann KI diese Prozesse unterstützen, ohne dass dafür wesentlich mehr Personal benötigt wird.

Zum Schluss, ganz persönlich, weg von den Algorithmen: In einem Umfeld, in dem Du stark mit Automatisierung und Daten arbeitest: In welchem Bereich Deines Lebens ist KI für Dich tabu? Gibt es ein Ritual oder einen Moment, den Du bewusst analog und komplett „unoptimiert“ genießt?

Wer viel mit KI arbeitet, der lernt auch einen differenzierteren Umgang damit. Ich muss gestehen, ich persönliche versuche KI Tools eher zu vermeiden, um der Schnelllebigkeit zu entkommen und bewusster zu leben. Hauptsächlich verwende ich sie zum smarten Recherchieren und schnellen Vorstrukturieren von Themen.

Einladung

Lernen Sie Maria-Liisa Bruckert am 17. März im beim VKE-Connect online zum Thema

„💡Mit KI starten – aber richtig! 
Warum die Datenstrategie über den Erfolg entscheidet“

kennen und erfahren Sie, wie eine belastbare Datenstrategie als Fundament für verlässliche Analysen, robuste Prognosen und skalierbare KI-Anwendungen aufgebaut wird.

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